Donnerstag, 6. Februar 2020

Rossi zwischen Derbysieg und Derbyfluch

Eine 4-Monats-Bilanz

Spiele: 41
Punkte: 62 (1,51/Sp.)
Tore: 153:160 (-7)
Siege: 21:20 (51,2%)
Überzahl: 34/161 (21,1%)
Unterzahl: 135/185 (73,0%)

Das sind die nackten Zahlen, doch was hat Rossi im Detail bewirkt bzw. verändert?

Bereits nach 4 Spielen und 4 Niederlagen mit lediglich 2 Pünktchen zog man Ende September die Reißleine und beurlaubte Brad Gratton. Nachfolger Rico Rossi startete dann mit einem Derbysieg gegen Crimmitschau ins Abenteuer an der Elbe. Doch danach folgte eine lange Phase weiterer Niederlagen, während Rossi parallel konditionelle Defizite aufarbeitete, um sein Team fit für sein System zu bekommen.

So stand man kurz nach der Länderspielpause mit 5 Siegen und 15 Niederlagen am ergebnistechnischen Tiefpunkt und war in der Tabelle mit 17 Punkten am Abgrund angekommen.

Danach folgte aber ein beeindruckender Zwischenspurt, der jedoch auch nötig war, um der Playdownzone überhaupt zu entkommen. 12 Siege gelangen in 16 Spielen, der 12. Erfolg dabei der wichtige Prestige-Sieg im Open Air Game.

Danach jedoch folgte der Bruch, vor allem weil man auswärts wieder in alte Muster verfiel und viele Punkte verschenkte. Nur 4 von 9 Spielen konnte man für sich entscheiden, bezeichnenderweise gelang kein einziger Auswärtssieg.

Der zehnte Platz ist auch deshalb keinesfalls sicher. Gerade der ostsächsische Rivale hängt im Getriebe und will unbedingt noch die Hauptstädter überholen. Doch auch nach vorn ist noch vieles möglich, sogar die Top 6 und der direkte Playoffeinzug. Bei noch 4 ausstehenden Auswärtsspielen in den letzten 7 Hauptrundenpartien wird dies jedoch ein äußerst schwieriges Unterfangen.

Die Eislöwen unter Rossi

Das Team ist auf einem anderen Fitnesslevel, spielt insgesamt deutlich strukturierter, hat einen Plan und lebt zudem von der individuellen Klasse einiger Hochkaräter im Kader. Offensiv zählt man zu den besten Teams der Liga und hat auch im Powerplay überwiegend überzeugen können (7% zugelegt im Vergleich zum Saisonstart). Doch bereits im Powerplay wird auch das große Problem sichtbar. Die massive Breakanfälligkeit. Nur Heilbronn kassiert mehr Gegentore bei eigener Überzahl und auch bei 5 gegen 5 sorgen plötzliche Verluste der Konzentration für überfallartige Konter der Gegner und Breakchancen in Hülle und Fülle. Großes Thema immer auch: Risikoabwägung.

Hauptproblem dabei: die richtige Dosierung des Forechecks bzw. der Faktor der individuellen Fehler, der sich durch alle Mannschaftsteile zieht. Oftmals verschiebt man im Verbund zu unkoordiniert in Puckrichtung und steht dann in der Absicherung in Unterzahl. Zudem produziert man mit Risikospiel viele Turnover. So ist es kein Zufall, dass die Konkurrenz immer wieder 2 oder gar 3 auf 1 aufs Tor läuft. Jeder Ausbruch aus dem System verursacht direkt Chaos. So verkommt die Stärke dann mitunter schnell zur Schwäche.

Im Tor hatte man zudem über die gesamte Saison zu selten einen konstant starken Goalie. Proske, der eigentlich als Backup kam, hatte zeitweise die Nase vorn, ohne ein echter Winning-Faktor zu sein. Beide Goalies zeigten überwiegend einen zu bunten Mix aus Glanzparaden und kapitalen Böcken. So gesehen machte die Nachverpflichtung eines Topgoalies durchaus auch unabhängig von Verletzungen Sinn, doch schuf dieser Transfer eher zusätzliche Probleme, als sich als Ideallösung zu entpuppen. Helenius hat mehr Klasse, rief diese aber auch noch nicht konstant ab, brauchte erst Spielrhythmus und patzte sowohl in Landshut als auch gegen Frankfurt jeweils beim dritten Gegentor. Die Defensive zeigte sich leider auch mit Helenius nicht stabiler, da sie dem Gegner zu viele Rebounds überließ, die Helenius aufgrund seines Stils nun mal anbietet. Proske in Form kommend verletzt, zudem Eisenhut nach Leistungsanstieg psychisch angeknockt. Helenius muss es nun richten und Biezais wird es als überzähliger Import wohl ausbaden müssen oder besser gesagt Reihe 2 und 3, die ihre ausgewogene Konstellation eingebüßt haben. Hier könnte nur ein schneller Deutscher Pass helfen, um für Entspannung zu sorgen.

Defensiv lebt man die gesamte Saison von 2 Nachwuchstalenten (Uplegger und Flade), dem herausragenden Steve Hanusch und seit Dezember auch von Alexander Dotzler, der spät, eigentlich schon auf dem Absprung befindlich, den Turnaround schaffte. Vom Minusmann, der hitzig über jede Situation diskutiert, hin zum souveränen Defender. Selbstvertrauen ist manchmal alles. Doch dafür schwebten die anderen Routiniers konstant unter ihrem Leistungszenit und riefen nur hin und wieder ihr volles Potenzial ab. Dazu kommt nun, das Kramer ausgerechnet jetzt ausfällt, wo er, wenn auch viel zu spät, seine Form gefunden zu haben schien. 2 starke Verteidiger und ein weiterer solider Block, das ist insgesamt einfach zu wenig, um konstant stabil zu agieren. Man ist und bleibt das anfälligste Team der Liga und nullt damit die hohe Offensivpower.

Die Defensive ist auch unter Rossi wackelig wie zuvor. Dazu kommt ein eklatant schwaches Unterzahlspiel. Den Tiefpunkt erreichte man dabei jüngst im Januar, als man lediglich 68 Prozent der Unterzahlspiele ohne Gegentor überstand. Schon unter Gratton war das PK nicht mehr als solide, aber immerhin kratzte man an den 80%. Jahrelang waren 3 oder 4 Mann, wie es der Gesang vermuten lässt, wirklich genug, eine Paradedisziplin der Eislöwen, doch diese Zeiten sind definitiv vorbei. Was im Abwehrverhalten die Lösung sein könnte, müssen die Verantwortlichen herausfinden. Ein Verteidiger, der sofort auf DEL2-Niveau weiterhilft, ist entweder teuer oder besitzt keinen deutschen Pass und wird letztlich alleine auch keine signifikante Verbesserung versprechen können. Hier ist guter Rat teuer, besonders auch in Hinblick auf die Kaderplanung für die nächste Saison.

Fazit: Rossi hat vieles zum Positiven gedreht, aber auch weiterhin einige Baustellen zu beackern, die er aus unterschiedlichen Gründen (Kaderzusammenstellung, Zeitfaktor, ...) bislang nicht beheben konnte. Im Gesamtkontext ist der Schritt zu Rossi für die aktuelle Saison aber aus unserer Sicht definitiv als richtig zu bewerten.

Ziel muss es nun erst einmal sein, die Top 10 zu sichern, egal wie und dann wirklich mal alle Steine umzudrehen, statt erneut Schnellschüsse abzufeuern, die man dann eine gesamte Saison lang zu korrigieren versucht. Dabei gilt es das Gesamtkonstrukt aus Profiabteilung und Nachwuchs, sowie aus Fans und Sponsoren einzubeziehen und einen nachhaltigen Weg einzuschlagen, der mehr Konstanz und vor allem auch langfristigen Erfolg in allen Bereichen verspricht, statt immer wieder öffentlichkeitswirksame Luftschlösser mit großspurigen Anfahrtswegen zu bauen, in denen womöglich so nie die Realität einziehen kann.

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